Was für ein Vater willst Du sein?

Was für ein Vater willst Du sein? Diese einfache Frage wirft so manchen Mann aus der Bahn. Denn hierüber haben sich die wenigsten Gedanken gemacht. Zugleich ist die Antwort das Fundament für eine stabile Vereinbarkeit von Beruf und Familie – übrigens auch bei Frauen.

Karriere-Papa

Karriere oder Papa?

Studien und Umfragen zur Generation Y geben widersprüchliche Bilder ab. Neue Väter wollen mehr Zeit für die Familie haben. Gleichzeitig leben junge Familien nach dem ersten Kind und spätestens nach dem zweiten Kind häufig das klassische Rollenverhältnis. Der Mann und Vater sorgt als Ernährer für den Unterhalt, während Frau und Mutter ganz zu Hause bleibt oder in Teilzeit arbeitet.

Ist das schlimm? Nein! Jedes Paar sollte seinen individuellen Weg gehen. Unabhängig davon, was Politik und Wirtschaft wollen. Nur für den eigenen Weg als junger Vater betrete ich Neuland. Ich brauche Mut, Neugierde und einen inneren Kompass für das Abenteuer Vatersein.

Der dänische Familientherapeut und Bestsellerautor Jesper Juul antwortete auf die Frage des Männermagazins GQ, was ein guter Vater sei, mit: „Meiner Erfahrung nach sind die Väter am zufriedensten und haben das beste Verhältnis zu ihren Kindern, die sich darüber im Klaren sind, dass sie ein Mann, ein Partner und ein Vater sind – und zwar in dieser Reihenfolge!“

Erwartungscheck

Bedeutet für mich, dass Väter sich nicht an Müttern orientieren sollten, sondern eigenständig ihren Weg gehen müssen und dürfen. Hierfür gibt es innere und äußere Wegweiser. Um den inneren Motiven auf die Spur zu kommen, hilft es, einen Erwartungscheck vorzunehmen:

  1. Was erwarte ich von mir im Job?
  2. Was erwarte ich von mir als Vater?
  3. Welche Erwartungen haben oder hatten meine Eltern an mich – insbesondere mein Vater?
  4. Was erwartet meine Frau, Partnerin oder Freundin von mir als Mann.
  5. Was erwartet die Mutter meines Kindes von mir als Vater?
  6. Was wünscht sich mein Kind oder meine Kinder von mir?
  7. Welche Erwartungen werden im Job an mich gestellt?

Dadurch werden innere Spannungsbögen und Sollbruchstellen deutlich. Bei der Joberwartungen kommt die Karriere auf den Prüfstand. Was will ich erreichen im Job? Wie wichtig sind mir erfolgreiche Projekte und Unternehmensziele? Will ich mich zu einer Führungskraft entwickeln? Wie viel Verantwortung will ich übernehmen?

Je mehr junge Väter im Job wollen, ums so weniger werden sie für ihre Kinder und Partnerin da sein können. Zum Beispiel ist das Geschäft von Architekten und Bauingenieuren sehr projektbezogen. Wenige Arbeitgeber, Dienstleister oder Kunden finden Verständnis für ein Baustopp, weil das Kind erkrankt ist. Bedeutet für mich als junger Vater, je mehr Verantwortung ich übernehmen will im Job, ums so schwieriger wird es mit der Vereinbarkeit.

Väter wollen Bindung zum Kind – da ist Konfliktpotential

Die zweite Frage, was ich von mir als Vater erwarte, beantworten immer mehr Männer damit, dass sie anders sein wollen. Anders als ihre eigenen Väter. Die Abwesenheitskultur der Väter hat ausgedient. Väter wollen eine aktive Bindung zu ihren Kindern aufbauen. Dazu braucht es gemeinsame Zeit mit den Kindern – und zwar unbedingt auch alleine, d. h. ohne Mutter in der Nähe.

Hier liegt der Konflikt mit der heutigen Arbeitswelt. Wie kann ich Zeit mit meinen Kindern verbringen, wenn ich ein Deadline-Projekt habe? Wie kann ich Legohäuser bauen, wenn mein Chef einen neuen Entwurf für einen Kunden erwartet – und zwar bis morgen 12 Uhr?

Viele Männer kapitulieren und entscheiden sich gegen eine Bindung zu den Kindern und für den Job. Die Entscheidung an sich will ich nicht bewerten. Wenn ich Karriere machen will, weil es mich erfüllt und mir gut tut, dann sollte Man(n) sich dafür entscheiden. Das ist bewusst und keine Kapitulation vor den Umständen. Viele junge Familien entscheiden sich für diesen Weg. Denn der Verzicht auf die Karriere bedeutet häufig Gehaltseinbußen und damit einen niedrigeren Lebensstandard.

Im Umkehrschluss heißt das, wenn ich mich als Mann gegen die Karriere entscheide, also für mehr Zeit mit meinen Kindern, dann wird der Geldbeutel kleiner. Leider ist das so, denn der Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern im gleichen Job liegt immer rund um die 20 Prozent zugunsten der Männer. Bis sich das ändert, sind die heutigen Babys selber Eltern oder Großeltern. Muss man nicht gut finden – zugleich ist es die oft erlebte Realität.

Klarheit schaffen als Paar

Aus diesem Dilemma kann kein Arbeitgeber helfen. Die Lösung wird am Küchentisch gefunden. Frau und Mann, Mutter und Vater müssen hier einen Weg finden – als Paar und als Familie. Konkret: Wie wollen wir das machen? Was ist mir wichtig am Vatersein? Was ist dir wichtig am Muttersein? Wer trägt welche Verantwortung innerhalb des Familienlebens? Wer muss loslassen, damit der andere einen Platz findet? Und so weiter. Es ist eine originäre innere Familienangelegenheit.

Wenn hier Klarheit geschaffen wird, dann ist der zweite Schritt zu schauen, wie es gelebt werden kann. Das Fundament steht und jetzt kommt der Job ins Spiel. Habe ich einen Arbeitgeber, der sich auf familienfreundliche Modelle einlässt? Das geht über flexible Arbeitszeiten bis hin zu finanzieller Unterstützung bei der Betreuung. Wie funktionieren die Karrieren bei dem Unternehmen? Gilt das Motto Wettkampf unter den Besten und nur höher, schneller, weiter? Dann wird es schwer, mit Elternzeit um die Ecke zu kommen – zumindest über die zwei Vätermonate hinaus.

Oder bietet der Arbeitgeber differenzierte Karrierewege an. Wo Auszeiten und Teilzeiten keine Bremse sind, sondern als Kompetenzgewinn angesehen werden? Immer mehr Unternehmen öffnen sich hier, denn der Fachkräftemangel erfordert Flexibilität. Nur leider sind es noch viel zu wenige, die in diese Richtung gehen.

Hinter die Kulisse schauen

Während der Bewerbungsphase macht sich die Braut schön. Personaler erzählen gerne von der Familienfreundlichkeit im Unternehmen. Zeigen sogar Zertifizierungen vor. Doch Achtung! Nicht alles, was glänzt ist Edelmetall. Wichtig ist, ob die Familienfreundlichkeit wirklich gelebt wird – in den Abteilungen und Projekten. Wie reagiert der direkte Chef auf gewünschte Vaterzeiten? Was sagen die Kollegen dazu? Hier gilt es hinzuschauen. Je früher ich einen Arbeitgeber finde, der Familienfreundlichkeit in seiner DNA hat, um so einfacher wird es für mich, wenn ich nach den ersten erfolgreichen Berufsjahren zugunsten meiner Familie einen Gang niedriger schalte im Job.

Es grüßt herzlichst,

Sascha

PS: Das Buch zum Beitrag Neue Väter – neue Karrieren

PPS: Zum Hören mein Interview über neue Väter mit Deutschlandradio Kultur (ca. 6 Minuten)