Dauerbrenner: Immer Ärger mit den Medien? (mit Video)

Smartphone, iPad, Nintendo, TV und Co. sind optimale Babysitter für Eltern. Nur fängt der Stress damit häufig erst an – nach dem Motto „Nur noch fünf Minuten“, die dann zwanzig werden. Was ist der richtige oder falsche innerfamiliäre Umgang mit den Medien?

little boy at expressive face using a digital tablet in bedWir können uns auf keine Studien oder Experten verlassen, denn jede Sichtweise lässt sich entsprechend wissenschaftlich untermauern. Als Eltern sind wir auf unsere eigene Intuition sowie auf unser Wertesystem angewiesen – zum Glück unserer Kinder! Es gibt für Kinder nichts Besseres als Eltern, die authentisch als Vorbild einen Weg durch den medialen Dschungel schlagen.

Motivation prüfen
Wer am Sonntagmorgen den Fernseher mit KiKa-TV anmacht, möge die eigentliche Motivation dahinter überprüfen. Ist es aus Deiner Sicht ein sinnvoller Zeitvertreib für Deine Kinder? Die Mehrzahl der Eltern verneint dies; zugleich ist es der kostenlose Babysitter, der es mir als Mutter und Vater ermöglicht in Ruhe auszuschlafen. Das Gleiche gilt für den iPad. Die ganzen Kleinkinder-Apps versprechen einen frühkindlichen Lernerfolg in was auch immer. Nur, würdest Du als Kleinkind gerne mit einem kalten Bildschirm hantieren? Wahrscheinlich nicht – wir sind soziale Wesen und gerade unsere Kinder lieben den zwischenmenschlichen Kontakt.

Geruch, Stimme, Blick- und Hautkontakt geben Deinem Kind Geborgenheit und Urvertrauen für das Leben. Welche noch so geniale App kann und wird dies je abbilden? Was ist dann die Motivation von Eltern, die Kinder trotzdem mit der virtuellen Welt zu konfrontieren? Da mag jeder seine eigene Intention haben; erfahrungsgemäß stimmen viele Eltern zugleich einer Aussage zu: Es ist zu anstrengend, dauernd NEIN zu den medialen Verlockungen zu sagen.

Die Kunst NEIN zu sagen
Wie sage ich NEIN, ohne mein Kind zu frustrieren? Gar nicht, das geht nicht. Ein NEIN bedeutet immer Verzicht auf etwas. So ist das im Leben. Ist es eine schlimme Erfahrung für unser Kind? Nein, denn „You can´t always get, what you want“ sangen schon die Rolling Stones in den wilden 68-ziger Jahren, wo alles möglich schien. Unsere Kinder werden die Erfahrung immer wieder im Leben machen, dass nicht alles, was sie sich wünschen, eintritt. Je besser sie darauf vorbereitet sind, umso leichter werden sie solche Erlebnisse verarbeiten.

Ein elterliches NEIN zum Fernsehen oder Facebook-Account unter 13 Jahren verletzt das Kind nicht. Es wird aus Enttäuschung darüber wütend; je nach Alter ist diese Wut für uns schwer zu ertragen, allerdings sollte jeder Erwachsene kindliche Wut locker nehmen können. Wenn nicht, dann gilt es zu überprüfen, wieso das schwer fällt. Das ist dann ein persönliches Thema als Mutter oder Vater und hat mit dem NEIN zum Fernsehen nichts mehr zu tun.

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Donald übertreibt mal wieder – oder?

Nach der Wut kommt die Trauer; tränenreich oder mit verzerrtem Gesicht macht uns unser Kind klar, wie traurig und ungerecht die Welt und wir Eltern insbesondere sind. Hier knicken wir gerne ein und geben nach. Wer sieht schon gerne sein Kind weinen? Und trotzdem gilt: Trauer ist eine elementare Erfahrung im Leben. Wer diese Erfahrung seinem Kind vorenthalten will, der gaukelt eine „Gut-Welt“ vor, die es nicht gibt. Tränen erleichtern; das weiß jeder, der auch als Erwachsener noch fähig ist zu weinen.

Danach ist alles wieder gut. Kinder sind selten nachtragend für ein NEIN von den Eltern. Das Nachtragen und tagelange Schmollen ist eher eine Fähigkeit von Erwachsenen, die vielleicht als Kind nicht lernen durften, ihre Trauer auszuleben. Mit einem JA wäre dieser ganze Prozess nicht möglich gewesen. Du als Elternteil hättest erstmal Deine Ruhe gehabt. Doch dann kommt der Wunsch nach mehr TV, länger Nintendo zu spielen und so weiter. Das schnelle JA verlagert das NEIN und den Konflikt nur zeitlich nach hinten.

Was ist ein JA wert, welches nicht aus dem Herzen kommt und nicht bedingungslos ist? Und so lassen sich Medien nutzen, um das Kinderzimmer aufgeräumt zu bekommen. Das geht dann so: „Ja, Du darfst Fernsehen, wenn Du vorher oder nachher hoch und heilig versprichst, das Zimmer aufzuräumen.“ Wie blöd ist das denn? Kinder erkennen den Erpressungsversuch; je nach Typ machen sie mit oder tricksen uns aus. Wer Pech hat, erlebt nach der Sendung ein größeres Geschrei als vorher, denn Lust aufzuräumen ist beim Fernsehen nicht gekommen.

Voraussetzung für ein klares und ehrliches NEIN ist, dass Sie als Mutter oder Vater JA zu sich selber sagen können und wollen. Der Schlüssel dazu liegt im Erkennen und Ausdrücken der eigenen Grenzen.

Sich abgrenzen, statt Grenzen zu setzen
Der Unterschied, ob ich Grenzen setze oder mich abgrenze, ist elementar! Gesetzte Grenzen kommen gerne unreflektiert von oben dahergeflogen. Typische Ausdrucksweisen dafür sind:

  • Das macht man nicht.
  • Der Film ist erst ab 12 Jahre. Daher darfst Du den nicht sehen.
  • Die Lehrerin hat gesagt, Du sollst weniger Fernsehen gucken.
  • Der Papa hat Dir doch Facebook verboten. (Sagt die „schwache“ Mama.)

Wenn ich mich abgrenze, dann verweise ich nicht auf externe Quellen für meine Grenze. Mein eigenes Wertesystem und mein Wille kommen stattdessen zum Ausdruck:

  • Ich will das nicht.
  • Der Film ist erst ab 12 Jahren. Ich will nicht, dass Du den mit 7 schon schaust.
  • Ich will, dass Du weniger Fernsehen guckst.
  • Ich will nicht, dass Du Facebook nutzt.

Das Schwierige daran mag sein, dass Eltern beim Abgrenzen in die persönliche Verantwortung gehen. Das Kind kann nicht mehr über die Lehrerin oder den Papa schimpfen, nein, Wut und Trauer bekommen wir direkt ab. Unser Kind lernt durch unser Verhalten, dass jeder Mensch eigene Grenzen hat. Die sind sogar unterschiedlich, denn bei Oma und Opa ist der Kika-Kanal erlaubt. Aha, Oma hat eine andere Grenze als Papa – das ist die wichtige Erkenntnis für das Kind! Damit legst Du die Grundlage, dass Dein Kind lernt, sich selber abzugrenzen. Es hat Mut, selber NEIN zu sagen. Dies ist die beste Prävention für den Horror- oder Pornofilm, den die Clique Deines Kindes eventuell sehen will.

Dein persönlicher Weg durch die Medien
Auf Basis der Fähigkeit, sich mit NEIN abzugrenzen, kannst Du Deinen persönlichen Weg durch den Dschungel der Medien einschlagen. Deine Kinder werden Dir folgen – eventuell meckernd und widerwillig. Je älter die Kinder werden, umso mehr werden sie kritisch hinterfragen, was Du sagst. Glücklich sind die Kinder, deren Eltern keine Luftnummern sind, sondern die meinen, was sie sagen und tun. Drum prüfe Dein eigenes Medienverhalten:

  • Wieviel TV guckst Du?
  • Ist Deine Aufmerksamkeit bei Deinem iPhone oder bei Deinem realen Gegenüber?

Als elterliches Vorbild Eindruck bei Deinen Kindern zu erzeugen ist viel mehr Wert, als die Diskussion, ob ein oder zwei Stunden Fernsehen am Tag oder in der Woche ausreichen.

Es grüßt herzlichst (virtuell),

Sascha

PS: Hilfreiche Infos für Einzelthemen wie Abo-Fallen, Cybermobbing etc. unter www.klicksafe.de

PPS: Mein Gastbeitrag bei der HuffPost zum Thema „Kinder im Netz“: Medien in der Familie: Wieso generelle Verbote keine Lösung sind

Wegweiser für Mediennutzung

Finde Deinen Weg durch die mediale Vielfalt. Hilfreiche Gefährten sind:

  • Überprüfe Deine Motivation bei der Mediennutzung.
  • Lerne klar und herzlich NEIN zu sagen.
  • Sei Vorbild und setze Deine Grenzen – die Kinder werden Dir folgen oder sich an Dir reiben.
  • Vergiss alle Studien und folge Deiner natürlichen Intuition. Deine Kinder folgen Dir und nicht irgendwelchen Expertentipps.

Tipp: Video „Immer Ärger mit den Medien …“ in der familylab-academy.