Mutter und Karriere: So gelingt der Spagat

Karrierebewusste Mütter haben ein Dilemma: Spannende Aufgaben im Job kollidieren mit herzlichen Bedürfnissen der Kinder. Wie gehe ich mit dem Vorwurf um, eine Rabenmutter zu sein?

e8f3ba2a-6b48-4a40-b90e-883669ac7d6dDie Journalistinnen und Mütter Susanne Garsoffky und Britta Sembach haben ihre Antwort als Buchtitel vergeben: Die Alles ist möglich-Lüge. Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind. Zentrale Botschaft der Autorinnen ist, dass sie als Frauen eher den Erwartungen ihrer Arbeitgeber und dem Leitbild der modernen Frau gefolgt seien als ihrem Mutterherz.

Nur mit welchen Mitteln lassen sich beruflicher Erfolg und herzliche Mutterschaft verwirklichen – ohne dass „frau“ auf der Strecke bleibt? Der Familientherapeut Jesper Juul bietet mit vier Werten, die eine Familie und Partnerschaft tragen, Orientierung für eine gute Lösung an:

1. Wert: Gleichwürdigkeit

Gleichwürdig bedeutet nicht Gleichheit! Hinter dem Begriff „Gleichwürdigkeit“ steckt die Idee, dass jeder seine Bedürfnisse und Gefühle äußern darf, ohne in seiner Würde zu leiden. Klingt einfach; ist ganz schön schwierig im Alltag. Denn mit Gleichwürdigkeit lasse ich Konflikte zu. Konflikte in mir, mit meinem Partner, mit den Kindern, mit den Kollegen, mit dem Chef und so weiter.

Die Kinder stehen morgens nicht auf und applaudieren, dass ich zur Arbeit gehe, sondern sie fragen eher: „Wann kommst du wieder?“ Der Partner freut sich nicht unbedingt über die Abendveranstaltung für die Karriere, sondern denkt sich: „Schon wieder bleibt es an mir hängen.“ Kollegen und Chefs haben selten Verständnis für kranke Kinder in einem wichtigen Projekt. Sie äußern offen oder verhalten die Frage: „Hat sie keine Oma in der Nähe?“

In gelebter Gleichwürdigkeit dürfen diese Gedanken und Gefühle dasein und geäußert werden – und im Idealfall nicht bewertet.

2. Wert: Eigen-Verantwortung

Ein schmerzhafter Wert, denn er erlaubt uns nicht mehr, die Schuld für ein schlechtes Gewissen als Mutter bei anderen zu suchen. Nein, jeder Erwachsene ist für sein Leben, seine Gefühlswelt und seine Handlungen selbst verantwortlich. Kurz und knapp: Wir ernten, was wir säen.

Das tolle an diesem Wert ist, dass er uns daran erinnert, selbst etwas verändern zu können. Wir können unsere Glaubenssätze hinterfragen (z.B.: Ist Hausfrauen-Dasein als Mutter wirklich gegen die Emanzipation?); wir können unsere Beziehungen justieren (z.B.: Der Vater muss oder darf mehr Verantwortung übernehmen.); wir können anders handeln (z.B.: Morgens früher aufstehen für ein stressfreies gemeinsames Frühstück mit den Kindern.)

3. Wert: Persönliche Integrität leben

Wenn ich zu meiner Eigen-Verantwortung stehe, dann liegt es an mir, mich vor unguten Themen und Handlungen zu schützen. Ich kann und muss mich abgrenzen gegenüber dem Job, dem Partner und den Kindern. Konkret: Wer müde nach Hause kommt und eine Stunde Ruhe braucht, bevor das Spielen mit den Kids beginnen kann, der kann dies sagen: „Ich weiß, du möchtest mit mir spielen, aber ich brauche jetzt eine Stunde Ruhe. In einer Stunde komme ich zu dir ins Zimmer und spiele mit dir.“

In meinen Vorträgen ernte ich hier häufig Staunen und Kopfschütteln der Eltern. Darf man sowas sagen? Ja, man darf es – und sollte es tun! Als Mutter sorge ich für mich, damit ich dann wieder gut für die Kids sorgen kann. Das ist die empfohlene Reihenfolge. Viel zu häufig höre ich für meinen Geschmack den Satz von berufstätigen Müttern: „Ich will es allen recht machen.“ Everybodies darling is everybodies depp …

4. Wert: Authentizität

Spüre und fühle ich mich als Frau, als Mutter, als Partnerin und Geliebte? Was für Gefühle habe ich dabei? Traue ich mich, diese klar und ehrlich auszusprechen oder schlucke ich lieber runter? Authentisch sein bedeutet, zu sich zu stehen. Für meinen Gesprächspartner bedeutet es, dass ich ihn nicht belüge und ihm offen begegne, ohne Maske.

Es ist eigentlich ganz einfach, wenn Du Dich traust: Zeige Deine Freude, wenn Du Dich freust; zeige Deinen Ärger, wenn Du wütend bist; zeige Deine Tränen, wenn Du trauerst. Und klar, es geht im jedem Umfeld anders. Dein Partner erlebt Dich anders in der Wut als Dein Chef, vermute ich mal. Das ist okay, denn Du hast jeweils andere soziale Rollen und Hüte auf. Zugleich ist es schon ein Zeichen von Geborgenheit, wenn wir uns im Kreis der Familie zeigen können und dürfen, wie wir sind.

Die Kinder machen es uns übrigens vor. Das Gelümmel am Abendbrottisch ist kein fehlendes Gespür für richtiges Sitzen, sondern ein Zeichen von Erschöpfung. Wie schön, dass Dein Kind sich traut, bei Dir authentisch zu sein!

Diese vier Werte bedingen sich gegenseitig

Authentizität ohne Gleichwürdigkeit wird beispielsweise schnell zu Egoismus. Gleichwürdigkeit ohne Eigen-Verantwortung kann in Aufopferung ausarten. Persönliche Integrität ohne Authentizität ist beliebig.

Wer nun den Vorwurf der Rabenmutter hört, kann sich folgende Fragen stellen:

a) Entspreche ich in der Art, Mutter zu sein, mir selbst? Fühle ich mich wohl darin?
b) Sind die Bedürfnisse der Kinder sichtbar und befriedigt?

Wenn zweimal mit Ja geantwortet wird, dann ist alles gut. Dann hat Dein Gegenüber eventuell ein Problem mit Deiner Art. Kommt ein Nein als Antwort vor, dann übernehme die Eigen-Verantwortung und starte eine Veränderung.

Herzlichst,

Sascha

Vier Werte für Karriere-Mütter

Vier Werte für karrierebewusste Mütter, die Karriere und Familie erfolgreich und herzlich verbinden wollen – zum Wohle der Kinder und sich selber:

  1. Gleichwürdigkeit: Jeder darf seine Bedürfnisse und Gefühle äußern.
  2. Eigen-Verantwortung: Ich habe meine Art Mutter zu sein selbst in der Hand.
  3. Persönliche Integrität: Don´t be everybodies darling!
  4. Authentizität: Ich bin ich.