Mein Aha-Erlebnis mit Jesper Juul

„Das ist mein Auto und ich will, dass ihr aufhört so einen Lärm zu machen!“ Mit einem Schlag war Ruhe auf der Rückbank und ich dachte, das gibt es doch nicht. Jesper Juul wirkt.

Jesper Juul KlarheitKlar sagen, was man will – diese Botschaft ist mir sehr hängen geblieben bei der Seminarleiterausbildung 2011 in Köln. Meine Töchter wurden 2003 und 2006 geboren und ich war ein herzlicher, zugleich autoritärer Vater. Als persönliche Gegenbewegung zu der antiautoritären Erziehung, die ich als Kind (Jahrgang 1969) erlebte und einfach furchtbar fand. Kein Kontakt, kein Halt, man mußte Freisein – mehr ein Elternprojekt als für die Kinder gedacht. So meine Erfahrung.

Das wollte ich meinen Kindern nicht „antun“. Ich wollte dasein, in Kontakt sein und griff u.a. auf autoritäres Grenzen setzen als Stilmittel der Erziehung zurück. Bis ich in Köln Jesper, Mathias und dem familylab-Geist begegnete.

Ich erinnere mich an die Vorstellungsrunde, bei der alle Bücher von Jesper Juul gelobt und aufgezählt wurden. Ich hatte „nur“ zwei im Vorfeld gelesen und dachte, da steht ja immer das Gleiche drin. Nur anders verpackt. Doch im familylab-Training packte mich die Wucht und Kraft der Werte wie Gleichwürdigkeit, Integrität, Eigen-Verantwortung und Authentizität.

Dann kam die Prüfung im Leben. 2011 trennte ich mich von meiner Frau und Mutter meiner Kinder. Einestages sprach mich meine jüngere Tochter aus heiterem Himmel an einer Kreuzung an: „Papa, stell dir vor, ich bin todkrank und nur wenn du die Mama wieder heiratest, überlebe ich. Machst du das für mich?“ Puh. Hammer. In meinem Kopf und Herzen ratterte es. Der erste Impuls war zu sagen „Ja“, um sie nicht zu enttäuschen.  Doch dann spürte ich die Lüge in mir und sagte „Nein, das würde ich nicht tun.“ Sie sah mich an und meinte nur „Ist gut.“ Punkt.

Ich bin mit ihr über die Straße gegangen, habe sie angeguckt und gefragt: „Ich habe das Gefühl, das Mama und ich uns getrennt haben, das tut dir immer noch sehr weh, oder?“ Sie nickte stumm; ich nahm sie in den Arm. Das wars. Kein Tröster-Eis oder sonstige Ausrede zum Gefühl der Trauer.

Wenn ich diese Episode auf meinen Vorträgen rund um das Thema „Nein-sagen“ erzähle, ernte ich Mitgefühl und Ablehnung. Es spaltet die Eltern häufig. Soll man die Wahrheit sagen oder nicht. Wie groß soll die Verpackung rund um die Wahrheit sein? Ab wann verletze ich mein Kind? Und so weiter …

Für mich – und rückwirkend für meine Tochter – war meine Reaktion richtig. Und genau diese Botschaft von Jesper Juul vermittel ich sehr gerne. Geht euren Weg. Wenn er funktioniert, dann gibt es keinen Grund zu handeln. Doch wenn es destruktiv wird in dir selbst, innerhalb der Beziehung, dem Familienleben oder im Job, dann schaue, was kannst du ändern, indem du deine Verantwortung siehst und annimmst.

Last but not least mein Lieblingszitat von Jesper Juul: „Gute Eltern machen mindestens 25 Fehler am Tag.“ Ja. Ich mache die noch heute täglich in meiner Beziehung und mit meinen Kindern. Doch ich erkenne sie – manchmal früh, manchmal spät. Und bin bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Herzlichen Dank an Jesper Juul und die familylab-Welt für die Familienwerte als Richtschnur für mein Beziehungsleben.

Sascha Schmidt

(Der Text wurde in der Festschrift für Jesper Juul zum 70. Geburtstag im April 2018 veröffentlicht.)