Führen: Wir haben uns alle lieb – wirklich?

Einer der größten Mythen in Teams ist Harmonie. Führungskräfte und Mitarbeiter, die den Konflikt meiden, haben häufig Angst vor unangenehmen Gefühlen. Das Gefühl der Ablehnung, des Nichtgeliebtwerdens in einem Konflikt ist so unerträglich, dass man Ja sagt, wo man Nein meint.

Ja-Sager sind selten erfolgreich als Chef; sie heben nicht die kreativen und unternehmerischen Poteniale im Team; Stagnation ist die Folge. Die Lösung liegt darin, sich den Gefühlen zu stellen. Fünf Hinweise für den Umgang mit negativen Gefühlen:

Hinweis 1 – Gefühle siegen immer!

Jeder Kommunikationsratgeber und auch dein Bauchgefühl weiß es: Die Beziehungsebene ist immer wirkungsvoller als die Sachebene. Wenn du in der Sache erfolgreich sein willst, dann muss die Beziehung zu deinen Mitarbeitern stimmen. Beziehungen bauen wir nicht mit dem Kopf sondern mit unserem Herzen auf.

Das bedeutet nicht, dass du alle lieben sollst. Du solltest auf auf deine Gefühlswelt achten: Was stört dich an einem Mitarbeiter – die ganze Person oder ein spezielles Verhalten? Sei dir bewusst, dein Gegenüber spürt intuitiv, dass du ein emotionales Thema mit ihm hast. Je früher du dir das eingestehst und ansprichst, um so schneller kann es aufgelöst werden.

Hinweis 2 – Persönliche Sprache wählen!

„Mich stört an dir …“, wenn du so ein Gespräch beginnst, dann ist es bereits beendet. Es wird nichts Konstruktives dabei rumkommen. Jeder Vorwurf oder jede Zuschreibung aktiviert die Verteidigung beim Gegenüber. Der Ausgang ist programmiert: Ihr habt euch die Meinung gesagt und mal wieder nichts erreicht. Frust, innere Kapitualtion und äußere Fassade im Umgang miteinander sind die Folge.

Wähle stattdessen deine persönliche Sprache. Erzähle von dir. Das kannst du gerade als Chef machen. So fühlen sich die Mitarbeiter ermutigt, auch über sich zu reden. Achtung: Es geht hier nicht um einen Kuschelkurs; es geht hier um persönlichen Klartext: „Ich werde wütend, wenn Termine nicht eingehalten werden. Für mich ist Verlässlichkeit ganz wichtig.“ Mehr brauchst du nicht zu sagen. Die Botschaft kommt an und dein Gegenüber kann für sich entscheiden, ob er Termine zukünftig einhält oder riskiert, in einen Konflikt mit dir zu geraten.

Hinweis 3 – Was haben die Emotionen mit dir zu tun?

Mutige Chefs erkunden ihre Gefühlswelt. Auf das obige Beispiel bezogen heißt dies sich zu fragen, woher die Wut bei Nichteinhaltung von Terminen kommt. Du könntest das doch locker nehmen. Kannst du aber nicht. Also, wo kommt die Wut her?

„Ich werde wütend, da mein Vater selten Termine mit mir als Kind eingehalten hat. Daran werde ich immer wieder unbewusst erinnert.“ Das könnte eine persönliche Antwort für dich sein. Wenn du die Quelle deiner Wut kennst, dann kannst du dir Verhaltensweisen überlegen und antrainieren, um diese unbewusste Wut nicht an deinem Team auszulassen.

Das bedeutet nicht, dass du auf Termintreue verzichtest. Jedoch die innere Erkenntnis, dass dein Gegenüber nicht dein Vater von damals ist, macht dich lockerer und damit klarer für konstruktive Lösungen.

Hinweis 4 – Wenn es unter die Gürtellinie geht …

In emotionalen Gesprächen kann es hoch hergehen. Wenn du die Neigung hast, deine Kontrolle zu verlieren, dann solltest du dich darum kümmern. Suche dir einen Coach oder sonstigen Sparringspartner, um die Gründe für deine Gefühlsausbrüche zu verstehen. Das ist deine Verantwortung als Chef im Team und als Mitarbeiter im Verhältnis zu deinem Chef.

Wenn dein Mitarbeiter, dein Chef oder ein Kunde die Kontrolle verliert, dann erinnere dich einfach an folgendes Bild: Einen Erbrechenden kannst du nicht füttern.

Du kannst niemanden mit sachlichen Informationen begegnen, der voller Angst, Trauer, Wut oder Zorn ist. Die Gefühle sind so stark, dass sie uns blind machen. Wir sagen dann Sachen, die wir bereuen. Du kannst jedoch abwarten und dich abgrenzen, wenn es unter die Gürtellinie geht. Konkret: „Ich sehe deine Wut. Ich bin nicht bereit, mich beschimpfen zu lassen. Ich vertage unser Gespräch.“ Da ist sie wieder, die persönliche Sprache!

Hinweis 5 – Es geht um das Gesehenwerden!

Wir wollen wertvoll sein. Wertvoll als Chef, als Mitarbeiter, als Mensch. Damit das klappt, musst du dich zeigen. Nur wer sich zeigt, kann gesehen werden. Und als Chef trägst du die Verantwortung dafür, ob deine Mitarbeiter bereit sind sich zu zeigen – mit all ihren Gefühlswelten.

Wenn du als Vorbild vorangehst ála „Heute bin ich schlecht drauf; also schlechte Nachrichten bitte erst morgen an mich herantragen“, dann kann dein Team dich sehen und handeln. Wenn ein Mitarbeiter seine Gefühle zeigt, dann musst du diese nicht auflösen. Es reicht, sie zu sehen und dies zu signalisieren. Das kann nonverbal sein – in Start-Ups wird gerne einmal einfach umarmt – oder mit herzlichen Worten: „Ich habe das Gefühl, du bist heute traurig. Stimmt das?“ Das reicht und hilft ungemein!