Felicitas Richter: Schluss mit dem Spagat

In den Medien hauen sich die Working Moms und Dads die Köpfe ein. Die einen schreiben „Geht alles gar nicht“ und die anderen sagen laut „Doch, das geht – ohne Probleme“. In diese Gemengenlage kommt ein neues Ratgeberbuch von Felicitas Richter: „Schluss mit dem Spagat“.

Die mehrfache Mutter stellt hier ihre Methode „simple-present“ vor, mit der sie die Vereinbarkeit meistert. Hilfreich für beruftstätige Eltern, die keine gesellschaftliche Analyse wollen, sondern eine Inspiration für den eigenen Alltag suchen.

Felicitas Richter

Felicitas Richter

Liebe Felicitas, was war die Motivation für das Buch?

­­Ich wollte immer eine Familie voller Lebendigkeit und auf jeden Fall mehrere Kinder. Aber ich liebe auch meinen Beruf. Beides zu vereinbaren und trotzdem als Paar und als Mensch nicht zu kurz zu kommen, erlebe ich als Herausforderung, die jeden Tag anders aussieht. Klar kam ich dabei auch an die Grenzen meiner Belastbarkeit. Gelingende Vereinbarkeit ist für mich also ein sehr persönliches Thema.

Als Referentin in Seminaren, Elternkursen, Elternabenden begegnete ich vielen Müttern und Vätern, denen das ähnlich geht. Sie wollen in der Familie ihr Bestes geben und gleichzeitig einen guten Job machen. Ich wollte ihnen etwas an die Hand geben, das ihren Alltag leichter macht – damit sie gelassen bleiben in einer anstrengenden Zeit ihres Lebens. Dass das Konzept der Work-Life-Balance dazu nicht taugt, hatte ich selbst oft genug erlebt.

Also habe ich das Konzept „simple present“ entwickelt und zunächst in Trainings weitergegeben – und gesehen, dass es funktioniert. Die Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer haben mir nach Jahren noch erzählt, wie sie das eine oder andere im Alltag umsetzen und dadurch entspannter und souveräner mit Stress umgehen.

Da nicht alle Interessierten in mein Seminar kommen können, habe ich das „simple present“-Konzept im Buch „Schluss mit dem Spagat“ aufgeschrieben.

Work-Life-Balance klappt nicht für Eltern ist eine These. Wieso?

Das Modell der Work-Life-Balance stammt aus einer Zeit, in der Selbstausbeutung noch ein Karrieremotor und Selbstaufopferung für das Unternehmen noch ein gutes Zeichen war. Das Privatleben wurde dem untergeordnet und es war gut, darauf aufmerksam zu machen, dass das auf die Dauer nicht gut geht – weder für den Einzelnen, noch für seine Beziehungen und auch nicht fürs Unternehmen. „Work-Life-Balance“ kann man sich wie eine Waage mit zwei Schalen vorstellen – die Schale „Arbeit“ war zu tief gesunken, für eine Lebensbalance war es wichtig, etwas in die Schale „Life“ zu tun – mal einen Abend mit dem Partner weggehen, Sport machen, sich Auszeiten nehmen.

Berufstätige Eltern heute wollen ihr Privatleben nicht dem Job opfern. Mütter und Väter wollen sehen, wie ihre Kinder aufwachsen und auch Zeit für sich selbst und die Partnerschaft einräumen. Dafür macht es einfach keinen Sinn, den Tag in „Arbeit“ und „Leben“ aufzuteilen. Ist Arbeit anstrengend? Dann fragen Sie mal die Mutter eines Zweijährigen, die sich auf die Stunden im Büro freut, in denen sie endlich mal eine Arbeit zu Ende bringen kann! Der Feierabend ist der Ort zum Auftanken? Nicht, wenn dann erst die dritte Schicht daheim mit Hausaufgaben machen, Instrumente üben und Abendbrot vorbereiten beginnt.

Außerdem: um ein Gleichgewicht zwischen „Work“ und „Life“ herstellen zu können, braucht es Planung. Nach dem Motto: „Ich habe heute einen anstrengenden Tag hinter mir. Dafür gönne ich mir jetzt ein Entspannungsbad!“ Gut, wenn das funktioniert. Aber viel zu oft klappt es eben nicht. Etwas kommt dazwischen oder etwas anderes scheint wichtiger: Wäsche bügeln oder noch eine email schreiben.

Ein „Du musst deine Prioritäten anders setzen und auch mal an dich denken!“ ist gut gemeint, erzeugt aber zu oft nur zusätzlichen Druck: „Jetzt schaffe ich es nicht mal mehr, was für mich zu tun. Kein Wunder, dass ich ständig schlechte Laune habe.“ Das Work-Life-Balance-Modell ist gut – aber nicht für berufstätige Eltern.

Buch: Schluss mit dem Spagat

Buchpreis: € 17,99

Deine Antwort: Simple present – um was geht es dabei?

Wie wir uns aus unserem Englischunterricht erinnern, bezeichnet „simple present“ eine Zeitform, die „einfache Gegenwart“.

Beim simple present-Modell geht es einerseits darum, in jedem Augenblick bei sich selbst und dadurch auch mitten im Stress gelassen und bei Kräften zu bleiben. Und sich andererseits nur auf das zu konzentrieren, was gerade „dran“ ist, statt hektisch der Erledigung vieler Aufgaben gleichzeitig nachzujagen.

Ich nutze das Bild einer sich ruhig um die eigene Achse drehenden Murmel. An ihr wirken zwei Kräfte gleichzeitig – die Bewegungskraft, die von der Mitte nach außen wirkt und die entgegengesetzte Kraft, die zur Mitte zurück wirkt. Ruhe in der Bewegung ist Kern des „simple present“-Konzepts. Mit anderen Worten: Ein Leben zwischen Kinderzimmer und Konferenzraum, Wäschewaschen und Waren sortieren, Musikschule und Motivationstraining ist spannend, abwechslungsreich und zutiefst befriedigend – wenn es gleichzeitig gelingt, für innere Ruhe und Energie zu sorgen. Nicht irgendwann nach Feierabend, am Wochenende oder wenn die Kinder groß sind, sondern Hier und Jetzt.

Liebe Felicitas, herzlichen Dank für das Gespräch mit Dir!

Es grüßt,

Sascha

Drei Zitate, die es auf den Punkt bringen

„Ich wollte immer eine Familie voller Lebendigkeit und auf jeden Fall mehrere Kinder. Aber ich liebe auch meinen Beruf.“

„Das Modell der Work-Life-Balance stammt aus einer Zeit, in der Selbstausbeutung noch ein Karrieremotor und Selbstaufopferung für das Unternehmen noch ein gutes Zeichen war.“

„Beim simple present-Modell geht es einerseits darum, in jedem Augenblick bei sich selbst und dadurch auch mitten im Stress gelassen und bei Kräften zu bleiben.“