Sabbatical oder Vaterschaft: Was ist die Story?

(Gastbeitrag von Thomas Pyczak) Sascha und ich kennen uns gut. Wir haben zu Beginn des Jahrtausends einige Jahre zusammengearbeitet. Vor drei Jahren erzählte er mir, dass er gern Vorträge zum Thema Vaterzeit bei mir halten würde. Zu der Zeit war ich CEO von Chip, unter anderem auch für den Bereich HR verantwortlich. Ich fragte zurück: Warum soll ich Vorträge buchen, die meine Mitarbeiter motivieren, sich Auszeiten zu nehmen?

Thomas Pyczak

Autor & Storyteller Thomas Pyczak

Heute würde ich wohl anders reagieren. Heute bin ich aber auch nicht mehr CEO, sondern Romanautor und strategischer Storyteller. Aus Storytelling-Perspektive sind Sabbatical und Vaterschaft besondere Herausforderungen. Davon handelt dieser Beitrag. Es geht um Antworten auf die Frage: Welche Geschichte erzähle ich meinem Vorgesetzten?

Der Einfachheit halber will ich davon ausgehen, dass Sabbatical und Vaterschaft sechs Monate dauern sollen. Echte Einschnitte. Wie führe ich das Gespräch mit meinem Arbeitgeber, in dem ich ihn über meine Pläne informiere, so dass er nicht zähneknirschend, sondern vielmehr gern zustimmt? Mich nach den sechs Monaten mit Freude empfängt und nicht wie einen Drückeberger. Meinen alten Job für mich freihält statt mich darüber aufzuklären, dass dieser mittlerweile neu vergeben wäre.

Geht das überhaupt? Ich denke ja. Es ist nur nicht ganz leicht. So würde ich versuchen das Thema anzugehen.

Die Zielgruppe genau kennen

Der entscheidende Punkt ist, sich in den Vorgesetzten hineinzuversetzen. Damit beginnt alles. Welche Einstellungen und Werte hat mein Gegenüber, welche Ansichten zu Sabbatical oder Vaterschaft. Nicht vergessen, dass auch der Vorgesetzte Vorgesetzte hat, die zu überzeugen sind. Sie gehören ebenfalls zur Zielgruppe. Bei der Gesprächsvorbereitung empfehle ich, sich immer wieder auf den Stuhl der Empfänger zu setzen. Wie kommt das Gesagte wohl bei ihm oder ihr an?

Fairness zählt und schafft eine gute Ausgangssituation

Ich würde empfehlen, den Arbeitgeber so rechtzeitig wie möglich über das Vorhaben zu informieren, so dass dieser ausreichend Zeit hat zu reagieren. Und ich halte es für klug, mögliche Lösungen für die Zeit der Abwesenheit zu entwickeln. Mit dieser konstruktiven Grundhaltung erkennt der Vorgesetzte, dass nicht nur ihm das Wohl der Firma sehr am Herzen liegt. Nach mir die Sintflut: Mit dieser Grundhaltung wäre die Atmosphäre dagegen von Anfang an verdüstert.

Verbindung schaffen über das Warum

Warum will ich ein Sabbatical oder die Vaterschaft? Das ist die entscheidende Frage, um sich mit Menschen zu verbinden, um Resonanz zu erzeugen. Warum tun wir die Dinge, die wir tun? Was erhoffen wir uns von der Zeit außerhalb des Jobs? Die Antwort auf diese Frage ist ganz individuell. Es geht um tiefe Beweggründe. Warum Vaterschaft? Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter will persönlich wachsen. Vielleicht weil er im Unternehmen eine Führungsposition anstrebt, für die seine aktuelle emotionale Intelligenz nicht ausreicht. Im Umgang mit Kind und Familie will er sie erwerben. Warum Sabbatical? Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter benötigt für seinen Job und sein Leben ein hohes Level an Kreativität. Um diese zu erhalten, muss hin und wieder die Kontinuität unterbrochen werden. Die Auszeit führt ihn an Orte, wo sich die Kreativität wieder aufladen oder stärken lässt. Ein Zen-Kloster, eine Radtour durch Europa oder ein soziales Projekt in Afrika.

Den größeren Zusammenhang herstellen

Über die Antwort auf die Frage nach dem Warum nähern wir uns automatisch einem Ziel, das über das Sabbatical oder die Vaterschaft hinausweist. Beide werden zu Abschnitten auf einer Lebensreise. Zu bedeutenden Abschnitten. Wenn ein Arbeitgeber versteht, wohin ein Mitarbeiter will, warum er die Dinge tut, die er tut, dann lässt sich das Gespräch auch auf eine ganz andere Ebene bringen. Es geht um strategische Lebensplanung. Die lässt sich wunderbar mit der strategischen Unternehmensplanung matchen. Wo will der Mitarbeiter hin? Wo will das Unternehmen hin? Wie passt das zusammen? Es geht um eine gemeinsame Reise.

Das Gespräch als Bewerbungsgespräch betrachten

Vielleicht hilft es, das Gespräch als eine Art Bewerbungsgespräch zu verstehen. Als Bewerbung auf den alten Job nach der Rückkehr. Oder vielleicht auch auf einen neuen. In so einem Gespräch geht es meiner Meinung nach darum, die beste Version von sich selbst zu zeigen, im positiven Sinne aufzufallen. Es gibt drei Dinge, die mir bei Kandidaten – jenseits der Fähigkeiten – immer wieder aufgefallen sind: Sie treten selbstsicher und zugleich bescheiden auf, sie energetisieren und inspirieren, sie schaffen es, Vertrauen aufzubauen. Sie erzählen von ihrem Warum, sie geben auch ihre Schwächen zu erkennen, sie verbinden erfolgreich ihre eigene Story mit der des Unternehmens.

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