Franziska Seefeld: Zweimal Vollzeit – im Job und in der Familie

„Das schönste Zertifikat mit den tollsten Angeboten nützt überhaupt nichts, wenn mein Chef das Gesicht verzieht, wenn ich ihm sage, dass ich ein Kind erwarte.“

Franziska Seefeld hatte mich über XING kontaktiert. Ich griff zum Hörer und rief sie an. Ich war neugierig. Das war mein Glück, denn wir hatten ein inspirierendes Telefonat.

Franziska arbeitet Vollzeit in einem großen Unternehmen des Gesundheits- und Sozialwesens, der Alexianer Krefeld GmbH. Sie kennt die Perspektive als berufstätige Mutter und als Beauftrage für Beruf & Familie ist sie ganz nah am Thema. Nach meinem Geschmack sagt sie als Working Mom offen, was Sache ist – das mag ich!

Franziska Seefeld

Franziska Seefeld – Vollzeit im Job und als Mama

Was ist Dein größtes Mutterglück?

Jedes Lächeln meines Kindes ist mein allergrößtes Glück. Besonders glücklich sind wir als Familie, wenn wir an der See sind. Mein Mann und ich waren im Urlaub immer schon ein sehr gutes Team; das soll ja nicht bei jedem so sein. Unser Kind bereichert unsere Ferien jetzt noch um einiges.

Was ist Deine größte Herausforderung als Mutter?

Meine drei größten Herausforderungen sind fehlender Schlaf, Momente großer Sorge und das ewige Mütter Mantra „Mache ich das Richtige“ zu ersetzen durch „Klar, ich mache das Richtige.“

Wieso hast Du Dich für eine Vollzeitstelle entschieden?

Ursprünglich wäre ich gerne vollzeitnah eingestiegen. Aber am Ende meiner Elternzeit, in der ich Teilzeit gearbeitet habe, hatte mein Unternehmen gerade ein anderes Unternehmen übernommen. Es gab einfach zu viel zu tun. Da wollte ich dabei sein. Letztlich mussten ohnehin die Nachmittagsstunden besetzt werden, also Sitzungen ab 16 Uhr und ähnliches. Vollzeitnah hätte dann bedeutet, erst um 10 Uhr anfangen zu arbeiten. Mit der Vollzeitstelle habe ich mich positioniert und meine Planung flexibel an die Bedürfnisse meines Unternehmens angepasst. Im Umkehrschluss erhalte ich jetzt eine gewisse Flexibilität von meinem Chef und kann auch mal von Zuhause arbeiten oder meine privaten Termine einbringen. Es heißt jetzt nicht, nach 16 Uhr bin ich nicht mehr da, sondern diesmal muss ich um 16 Uhr gehen, weil wir eine Einladung zum Kindergeburtstag haben. Und wenn es nicht funktioniert, absenken geht immer noch.

Wie teilst Du die Betreuung mit Deinem Mann?

Ohne meinen Mann würde das NIEMALS funktionieren. Wir haben die Großeltern nicht in der Nähe; ich blicke manchmal schwer neidisch zu denen, die dieses Glück besitzen. Aber ich habe eben auch großes Glück, dass mein Mann aufgrund seiner geregelten Arbeitszeiten die Kitazeiten einhalten kann. Wenn ich nach Hause komme versuche ich mich dann komplett auf meine Familie zu fokussieren, mein Mann kann dann bedarfsbezogen noch dienstliche Dinge abarbeiten. „freitags ab eins macht jeder seins“ – freitags schaffe ich es dann mein Kind von der Kita abzuholen, wir gehen dann zum Spielplatz oder treffen Freunde mit Kindern. Auch das Wochenende leben wir dann symbiotisch. Im Fokus stehen immer die Momente die wir gemeinsam erleben. Mein Mann rechnet mir nie auf, was er alles tut und wie viel Zeit er alleine verantwortlich ist.

Welche Unterstützung bekommst Du vom Arbeitgeber?

Meinem Arbeitgeber kann ich alles abverlangen, was unser Verhältnis flexibel macht. Ich habe z.B. Homeoffice und ein Diensthandy. So kann ich mobil arbeiten – im Gegenzug arbeite ich flexibel. Wenn etwas zu besprechen ist, dann eben auch mal abends um acht oder freitags um drei. E-Mails an entsprechende Stellen weiterleiten geht auch mit krankem Kind. Dafür bin ich aber zusätzlich für den Kindergarten und meinen Mann ebenfalls jederzeit flexibel zu erreichen. Das hat bei mir sicherlich viel mit der Position und der Branche zu tun. Ich muss mich noch nicht von meinem Handy distanzieren, es sind immer Ausnahmen über die ich hier spreche.

Perspektivenwechsel: Du verantwortest bei Alexianer den Bereich Beruf & Familie. Wie kann ein Unternehmen die Eltern wirksam unterstützen?

Aus meiner Sicht gibt es Unmengen von Möglichkeiten, mit denen ein Unternehmen Eltern unterstützen kann. Ganz persönlich finde ich es am Wichtigsten, eine Anlaufstelle für Eltern zu bieten. Wir haben dies als Unternehmen auf mehrere Beine gestellt. Neben den zwei Beauftragten haben wir eine Arbeitsgruppe aus neun Mitarbeitern mit Leitungs- und Multiplikatorenfunktion. Ein Mitarbeiter hat sein Steckenpferd im Thema Beruf und Pflege, ein anderer hält den vertraulichen Kontakt zur Mitarbeitervertretung etc. Aus dieser Anlaufstelle ergibt sich die Anregung aus der Mitarbeiterschaft, mit der bedarfsbezogene Angebote geschaffen werden können. Überspitzt gesagt: Was nützt ein teurer Betriebskindergarten, wenn nicht die richtigen Zeiten angeboten werden oder die Eltern ihre Kinder lieber am Wohn- als am Dienstort betreut wissen wollen. Dann machen Kooperationen mit Kindergärten mehr Sinn. Ein anderer maximal wichtiger Anspruch ist die innere Einstellung zum Thema.

Wie meinst Du das?

Das schönste Zertifikat mit den tollsten Angeboten nützt überhaupt nichts, wenn mein Chef das Gesicht verzieht, wenn ich ihm sage, dass ich ein Kind erwarte. Und noch weniger nützt es mir, wenn mein Chef erwartet, dass ich alle seine Angebote dazu nutze, direkt nach dem Mutterschutz wieder vollständig anwesend zu sein. Klar kann ich das sagen, aber wer schon selber ein Kind bekommen hat, weiß, ich verändere mich und ich weiß nie, was ich für ein Kind bekomme. Dabei meine ich nicht gesund oder beeinträchtigt, aber ein Frühaufsteher oder eine kleine trinkfaule Maus bringen den schönsten Plan ins Wanken. Beim zweiten Kind ist man da sicherlich schlauer. Es ist fantastisch, wenn ein Arbeitgeber einen Stillraum einrichtet und einen Gefrierschrank für Mütter bereitstellt, die Muttermilch abpumpen lassen. Ich finde das ehrlich fabelhaft, bloß darf daran nicht die Erwartung geknüpft sein, dass alle Mütter das nutzen und alle die es nicht tun, sind dann angeblich nicht umfassend mit dem Unternehmen identifiziert.

Wie siehst Du die Unterstützung aus der Politik?

Durch meine Beschäftigung mit dem Thema habe ich alle politischen Bemühungen der vergangenen Jahre im Blick. Ich habe schon 2009 Frau von der Leyen vom Teilzeitelterngeld reden hören und hätte mir gewünscht, dass es dies schon 2011 gegeben hätte. Aber ich sehe auch nicht nur die Angebote nehmen zu, sondern auch der Druck. Ganz ehrlich, was passiert, wenn mein Kind in die Schule kommt, möchte ich mir jetzt noch gar nicht ausmalen. Im System steckt doch noch reichlich Verbesserungspotential. Und Unternehmen können sich wirklich richtig bemühen, aber alles ist nicht machbar. Ich möchte keine Hausaufgabenbetreuung im Unternehmen haben, nur damit ich bis 17 Uhr im Büro sein kann. Vereinbarkeit ist individuell und immer ein Geben und Nehmen. Privat bin ich Mitglied im Verband Berufstätiger Mütter. Passiv zwar, aber die Lobby muss größer werden.

Dein Wunsch für die Zukunft?

Was ich mir für die Zukunft wünsche? Auf unserer Geburtsanzeige stand geschrieben: „Jedes neu geborene Kind ist ein Zeichen dafür, dass wir in die Welt vertrauen haben und für die Welt hoffen dürfen‘‘ (Rabindranath Tagore). Ich wünsche mir wieder eine friedlichere Welt.

Liebe Franziska, herzlichen Dank für das offene Gespräch!

Es grüßt herzlichst,

Sascha

Drei Zitate, die es auf den Punkt bringen

„Das schönste Zertifikat mit den tollsten Angeboten nützt überhaupt nichts, wenn mein Chef das Gesicht verzieht, wenn ich ihm sage, dass ich ein Kind erwarte.“

„Ohne meinen Mann würde das NIEMALS funktionieren.“

„Vereinbarkeit ist individuell und immer ein Geben und Nehmen.“

Interview mit Franziska Seefeld auf Süddeutsche.de: „Ich habe eigentlich nie aufgehört zu arbeiten“